Interview mit den Brüdern Al Huseen Mohamad Amin und Al Huseen Al Moomin Billah

Interview mit den Brüdern Al Huseen Mohamad Amin und Al Huseen Al Moomin Billah

Gesine: Vielen Dank, dass ihr euch für das Interview bereiterklärt habt. Ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit habe mit euch zu sprechen. Mich würde zu Beginn interessieren, wie alt ihr ward, als ihr geflohen seid.

Mohamad: Als ich Syrien verlassen habe, da war ich 17 Jahre alt.

Moomin: Ich war erst 14, als ich Syrien verlassen habe.

Gesine: Ihr ward also noch Kinder, bzw. sehr jung. Was ist das Besondere, wenn man so jung oder so wie du, Moomin, noch als Kind flieht?

Mohamad: Vor allem wenn man alleine flieht und noch so jung ist wie wir beide, dann hat man noch nicht so viel Lebenserfahrung und das macht die Flucht so schwer. Man kämpft um sein Leben und das macht die Flucht, gerade wenn man noch jünger ist, so schwer. Für Erwachsene ist es häufig „leichter“, weil sie bereits selbstständiger sind und schon mehr in ihrem Leben erfahren haben.

Gesine: Habt ihr erlebt, dass aufgrund dessen, dass ihr noch so jung gewesen seid, mehr Unterstützung während der Flucht bekommen habt?

Moomin: Ich erlebe vor allem, dass ich bei jeder Sache, wo man volljährig für sein muss, die Hilfe meines Bruders oder von Frau Hofner (meinem Vormund) benötige, da ich noch minderjährig bin und nichts allein entscheiden oder auch unterschreiben darf. Mohamad durfte das alles alleine, als er hier angekommen ist. Da sehe ich den Unterschied zwischen Erwachsenen und minderjährigen Flüchtlingen.

Gesine: Wie habt ihr eure Kindheit vor und nach dem Krieg in Syrien erlebt?

Mohamad: Vor dem Krieg war unser Leben sehr schön, wir hatten eine tolle Kindheit - so schön, wie man es sich nur erträumen kann. Wir waren bei unseren Eltern und Verwandten, hatten Freunde, mit denen wir in die Schule gegangen sind. Der Krieg ist und war schrecklich, weil ich meine besten Freunde verloren habe – sie wurden umgebracht. Dann war ich insgesamt drei Mal im Gefängnis, obwohl ich noch nicht volljährig gewesen bin.

Moomin: Vor dem Krieg hatten wir ein perfektes Leben, eine perfekte Kindheit. Nach dem Krieg war alles härter.

Gesine: Fühlt ihr euch in Deutschland noch fremd?

Mohamad: Es kommt auf die Situation an. Viele Dinge sind einfach noch neu für uns und da fühlt man sich dann fremd. Ich habe beispielsweise wenige deutsche Freunde, weshalb ich viele Aktivitäten nicht kenne und eigentlich deutsche Freunde bräuchte, die mir das alles zeigen und erklären. Aber es gibt auch Momente, in denen wir uns wie zu Hause fühlen. Zum Beispiel die Stadt Köln, ich lebe jetzt seit fast drei Jahren hier und ich kenne Köln mittlerweile genauso gut wie meine Heimatstadt in Syrien.

Moomin: Bei mir kommt es auch auf die Situation an. Ich habe zwar viele Freundschaften, aber manchmal ist es trotzdem noch eine komische Situation. Aber Köln ist auch für mich eine zweite Heimatstadt geworden.

Gesine: Was für Erfahrungen habt ihr mit Dokumenten, Ämtern etc. hier gemacht?

Moomin: Ich selber habe weniger Erfahrungen damit gemacht, weil entweder mein Bruder alles für mich erledigt oder mein Vormund Frau Hofner, da ich meistens in der Schule bin.

Mohamad: Alleine komme ich nicht zurecht, ich benötige eigentlich immer Hilfe bei Dokumenten oder wenn ich zu Ämtern gehen muss. Jemand, der gut deutsch spricht und hier schon lange lebt. Viele Briefe versteht man einfach nicht, sogar Menschen, die sehr gut Deutsch können, verstehen diese nicht. Es ist häufig sehr kompliziert. Und vieles dauert auch sehr lange. Ich habe meinen Anerkennungsbescheid beispielsweise erst nach 1 1/2 Jahre bekommen. Aber nur den Bescheid und nicht meinen Ausweis, und ohne einen Ausweis kann ich nichts machen. Das hat dann wieder neun Monate gedauert, bis ich diesen beantragen konnte, und erneut zwei weitere Monate, bis ich diesen erhalten habe. Bei Moomin ist es jetzt 1 1/2 Jahre her, dass wir seinen Asylantrag gestellt haben, aber wir haben noch immer keine Antwort. Er hat jetzt eine Duldung, aber die muss man alle sechs Monate verlängern.

Gesine: Was bedeutet das Wort Hoffnung für euch und was hat euch Hoffnung auf der Flucht gegeben? 

Mohamad: Wenn man ein Ziel hat, dann braucht man die Hoffnung, um kämpfen zu können, damit man genau dieses Ziel erreichen kann. Wenn man keine Hoffnung hat, dann hat man kein Ziel und das ist kein Leben. Man braucht die Hoffnung und sollte sie immer haben.

Moomin: Ich hoffe, dass alle Menschen bald in Frieden leben können und das alle, die aufgrund des Krieges getrennt wurden, wieder zusammenkommen.

Gesine: Wenn ihr ein Buch über eure Geschichte schreiben würdet, wie sähe das aus?

Mohamad: Es würde Teile geben, die sehr lustig wären, aber es würde ebenso Teile geben, die sehr traurig sind. Vielleicht würde es aber auch Teile geben, von denen man etwas lernen kann. Ich würde dieses Buch jedoch nicht selber schreiben, weil ich das nicht so gut kann, aber ich erzähle meine Geschichte gerne.

Gesine: Welche Rolle spielen Bücher in eurem Leben?

Mohamad: Ich lese eigentlich nicht gerne (lacht).

Moomin: Ich lese auch nicht gerne - auch wenn ich es sollte (lacht). Aber lesen beruhigt. Literatur ist für mich aber auch meine eigene Geschichte. Mein Leben und meine Traditionen.

Vielen Dank für das Interview und das ihr euch die Zeit genommen habt.

Empfohlene Zitierweise

Interview Al Huseen Mohamad Amin und Al Huseen Al Moomin Billah (Gesine Geupel). In: LESEPUNKTE, URL: https://lesepunkte.de/interview/interview-mit-den-bruedern-al-huseen-mohamad-amin-21-jahrer-alt-und-al-huseen-al-moomin-billah-16-jahre-alt-bei-der-lesung-und-podiumsdiskussion-kind-aller-laender-kind-keines-landes-vo/
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