Julya Rabinowich über ihren neuen Jugendroman “Dazwischen: Ich” und was für sie Heimat bedeutet

Julya Rabinowich über ihren neuen Jugendroman “Dazwischen: Ich” und was für sie Heimat bedeutet

"Von der Idee, dass es Menschen sind, die mir Heimat geben können, bin ich mittlerweile abgerückt."

LESEPUNKTE: Sie beginnen Ihr Buch mit Anspielungen bekannter Geschichten und Märchen. Haben Sie eine Lieblingsgeschichte oder ein Lieblingsmärchen?

Rabinowich: Oh ja, die habe ich. Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Anderson. Sie hat mich schon als junges Mädchen zum Weinen gebracht. Ich habe das Märchen schon geliebt, bevor ich selbst eine Fremde in einer neuen Welt wurde. Aber es hat, nachdem wir nach Österreich gekommen sind, eine noch tiefere Bedeutung für mich bekommen, weil ich auch stumm in einem fremden Land angekommen bin. Und die Figur der Meerjungfrau hat mich so fasziniert, weil sie so eine Bereitschaft hat, alles zu riskieren - für einen Herzenswunsch.

LESEPUNKTE: Haben Ihnen Ihre Eltern vorher von Österreich erzählt, wohin Sie und Ihre Familie im Jahr 1977 ausgewandert sind?

Rabinowich: Nein, im Gegenteil, sie haben mich angelogen. Sie haben mir erzählt, dass wir in den Urlaub fahren, aber nicht, dass wir das Land verlassen. Das habe ich auch sehr stark in meinem Roman „Spaltkopf“ thematisiert. Es war ein Ankommen im Unbekannten, denn keiner von uns wusste, was uns in Europa erwartet. Das war wie eine Fahrt ins Weltall, dahin, wo die Gesetze, die bis dahin galten, nicht mehr galten.

LESEPUNKTE: Was ist das für ein Gefühl, wenn man merkt, dass der eigene Roman so einen Erfolg hat?

Rabinowich: Das war und ist natürlich eine unglaubliche Freude, ein Glücksgefühl und eine Bestätigung. Ich habe es nicht erwartet, aber natürlich gehofft. Ich glaube, dass macht jedeR AutorIn. Aber wenn deine Hoffnung eintritt, dann ist es jedes Mal überwältigend. Besonders schön ist es, wenn von den Jugendlichen das positive Feedback kommt. Denn ich dachte, wenn ich es schaffe, die Jugendlichen zu erreichen, wenn sie Madinas Stimme durch mich hören, dann habe ich etwas erreicht, was ich erhofft hatte zu erreichen, aber bis zum Erscheinungstermin war ich mir nicht sicher. Ich hatte durchaus Befürchtungen, dass ich an den AbnehmerInnen vorbeigeschrieben habe und das bekommt man tatsächlich erst mit, wenn das Buch veröffentlicht ist.

LESEPUNKTE: Sie haben Ihren Roman im Stil von Tagebucheinträgen geschrieben. Wie kam Ihnen die Idee, das so zu machen, da es ja schon speziell ist. Und haben Sie selbst Tagebuch geschrieben?

Rabinowich: Nein, ich habe es sogar gehasst (lacht). Ich habe aber mitbekommen, dass meine Tochter Tagebuch geführt hat und zwar sehr penibel, aber das ist nicht der Grund gewesen, warum ich diese Form gewählt habe. Der Grund ist und war eher die Erinnerung an meine eigene Schulzeit, dass wir da Tagebücher gelesen haben. Wir haben im Englischunterricht ein Tagebuch gelesen, dessen Inhalt nicht besonders herausragend gewesen ist, aber durchaus etwas politisch und das England in dieser Zeit gut abgebildet wurde und ich habe es wirklich gerne gelesen, daran erinnere ich mich. Zunächst wollte ich das Buch nur in der Ich-Form schreiben, aber dann habe ich relativ schnell bemerkt, dass das so für mich nicht funktioniert. Es sollte den Leser/die Leserin so hineinreißen, dass er/sie sich nicht mehr lösen kann und das wollte ich schaffen. Deshalb habe ich die Form des Tagebuchs gewählt, denn ich wollte dem Leser/der Leserin vermitteln, in welchem Zwiespalt Madina steht und wie das Leben in einem AyslbewerberInnenheim ist. Es sollte so persönlich und real werden, wie möglich.

LESEPUNKTE: Madinas Vater sagt zu ihr, dass das Warten gelernt werden kann. Sind Sie ein eher geduldiger Mensch oder haben sie es gelernt zu warten?

Rabinowich: Nein, ich habe es nicht gelernt (lacht). Aber was ich beobachten konnte, als ich für Flüchtlinge übersetzt habe war, dass sie sich zwingen mussten, wirklich zu lernen in diesem absolut Unbegrenzten zu sein und nicht zu verzweifeln. Das ist eine ganz bestimmte Art zu warten, die man lernen muss. Denn wenn man es nicht lernt in dieser Situation, ist man relativ schnell verloren.

Dadurch, dass wir Dolmetsch-Therapien 1 ½ bis 2 Jahre gemacht haben, habe ich die PatientInnen fast jede Woche gesehen. Dadurch konnte ich diese Prozesse sehr gut verfolgen, wie sie hadern, manche durchdrehen und welche, die es schaffen. Das war zum einen sehr interessant und zum anderen sehr schlimm zu beobachten, weil es ganz bestimmte Fähigkeiten braucht, das zu bewältigen.

LESEPUNKTE: Haben Sie für sich etwas aus den Dolmetsch-Therapien mitgenommen?

Rabinowich: Das Gefühl von Kälte und Dunkelheit, weil ich dort Dinge gehört habe und Dinge verarbeiten musste, die einem zwar nicht wirklich passiert sind, die mich aber wahnsinnig mitgerissen haben. Aber zugleich auch das tiefe Gefühl der Dankbarkeit.

Aber was ich körperlich mitgenommen habe, sind Panikattacken, weil wir uns alles angehört haben, oft auch fünf Stunden, aber nicht miteinander darüber gesprochen wurde. Das war ein großer Fehler.

LESEPUNKTE: Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Sie 1977 entwurzelt wurden. Sind Sie mittlerweile wieder verwurzelt?

Rabinowich: Ja, ich würde schon sagen, dass ich an Österreich angewachsen bin. Aber nach den letzten Wahlen in Österreich überlege ich durchaus zur Wanderpflanze zu werden. Es besteht nun die Wahl: Man kann laufen oder man kann bleiben und kämpfen. Im ersten Moment ist es wie eine Schockstarre, in der man nicht weiß, was man tun soll. Allerdings habe ich mich jetzt definitiv dazu entschieden zu bleiben und zu kämpfen. Man merkt sehr viel Veränderung seit der letzten Wahl. Aggressionen sind so gegenwärtig, so viel Druck und so viele Lügen. Meiner Meinung nach ist in Österreich eine Entmenschlichung im vollsten Gange. Österreich hat es einfach nicht geschafft, die Geschehnisse des letzten Jahrhunderts aufzuarbeiten und betrachtet sich als Opfer des Nationalsozialismus.

LESEPUNKTE: Umso schöner, dass Ihr Buch gerade so ein Erfolg ist.

Rabinowich: Das Einzige, was man einer solchen Hetze entgegensetzen kann, ist ein Gefühl für etwas bzw. jemanden – und das erreicht man natürlich nicht in Masse, sondern in einer Einzelperson. Dieses Gefühl des Verstehens und Erkennens, dass dieser Mensch nicht anders ist als ich, das funktioniert ja nur, wenn ich diesen Menschen auch spüre und wahrnehme. Und die Hetze zielt auf das genaue Gegenteil ab, die Hetze entmenschlicht, sie soll das Subjekt zum Objekt machen und das Objekt wiederum zur Masse.

LESEPUNKTE: Da kann man sprachlos werden. Sie sind in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Ihr Vater starb, als Sie 18 Jahre alt gewesen sind. Hat er Ihnen als Mensch gefehlt, als Person, die Ihnen das Gefühl von Heimat vermittelt?

Rabinowich: Natürlich. Wir waren eine Art dressierte Bärenfamilie. Meine Mutter und mein Vater waren beide Maler und meine Großmutter hat als Kunsthistorikerin wissenschaftliche Texte geschrieben. Diese habe ich etwa im Alter von 17 Jahren dann ins Deutsche übersetzt, damit Sie in Österreich veröffentlicht werden konnten und ich habe dadurch damals schon die Erfahrung gemacht, wie es ist, aktiv einen Schreibprozess zu durchlaufen – vom ersten Entwurf, über den Abgabetermin und die Korrekturschleifen. Dadurch hatte ich schon sehr früh eine persönliche Verbindung zur Literatur.

Meine Eltern haben mich auch etwa im Alter von 9 Jahren dazu gezwungen Werke zu lesen, mit denen ich damals vollkommen überfordert war. Damals habe ich das Lesen dann verweigert. Rückblickend betrachtet hat mir diese Literaturerziehung jedoch sehr viel gebracht, ich habe unbewusst ein Gefühl für Texte entwickelt und so viel Wissen angesammelt, was mir später beim Schreiben sehr hilfreich gewesen ist.

LESEPUNKTE: Ich habe Madina in Ihrem Buch als sehr starke junge Frau wahrgenommen, waren Sie selbst als junges Mädchen auch so taff und stark?

Rabinowich: Ich war wahrscheinlich wesentlich unkonstruktiver als sie, aber ich war vermutlich unglaublich stark darin. (Lacht)

LESEPUNKTE: Hatten Sie denn auch eine Freundin wie Laura, die für Sie da war, als Sie in Österreich angekommen sind?

Rabinowich: Ja, ich hatte eine Freundin, die kommt auch im "Spaltkopf " vor, die mit mir in der Volksschule befreundet war. Ich war ja auch viel jünger als Madina, als ich hier ankam, und meine Freundinnen waren noch nicht so selbstständig wie Madina und Laura, sondern noch viel mehr in die eigenen Familien eingebunden. Das Mädchen, das ich da kennenlernte, war auch eher eine Seltsamkeit und ein Außenseiter. Ihre Familie hatte eine Wellensittich-Zucht. Aber mir ist ihre Andersartigkeit gar nicht aufgefallen, für mich war das normal. Mit ihr hatte ich eine sehr schöne und tragende Freundschaft. Später in der Mädchenschule hatte ich zwei Freundinnen.

Also ich hatte keine Laura in dem Sinne. Aber ich wusste, dass Madina, in der Situation in der sie ist, eine Laura braucht. Damit sich das Ganze auch so entwickeln kann, wie ich das gerne möchte. Im Unterschied zu mir ist sie nämlich sehr verantwortungsbewusst und sehr brav.

LESEPUNKTE: Bei Laura konnte Madina so sein, wie sie ist. Wie kam es denn, dass Sie aus der Sicht einer 15-Jährigen geschrieben haben?

Rabinowich: Madina steht nicht für mich, sondern für die Mädchen, die ich kennengelernt habe, als ich gedolmetscht habe. Und das waren viele, und diese waren eher brav, aber gleichzeitig auch so, dass sie kämpften für ihre Rechte. Für mich war von Anfang an klar, dass Frauen alles werden können, was sie werden wollen. Ich habe mich vor allem über die Österreicher gewundert. Mein Entwicklungsschritt war das nicht, aber derjenige von vielen, die ich kennengelernt habe

LESEPUNKTE: Ich habe noch zwei Fragen. Welche Macht hat Sprache für Sie?

Rabinowich: Alle Macht der Welt. Wir wären ohne Sprache aufgeschmissen, im Sinne von Gewalt und Missverständnissen, aber auch im Sinne davon, dass wir nichts mehr weitergeben könnten. Unsere ganze Entwicklung beruht auf der Sprache.

LESEPUNKTE: Ihnen gaben Menschen und Sprache ein Gefühl von Heimat – wer bzw. was gibt Ihnen heute dieses Heimatsgefühl?

Rabinowich: Meine Heimat ist die deutsche Sprache und die Verständigung. Von der Idee, dass es Menschen sind, die mir Heimat geben können, bin ich mittlerweile abgerückt. Sagen wir mal, das war nur Plan B.

LESEPUNKTE: Gibt es noch etwas, was Sie sagen möchten?

Rabinowich: Für mich ist wichtig, dass Madina und viele andere mit ihr, die sich in Madina erkennen, eine Art Heimat finden. Was ich mir erträume, wäre, dass Jugendliche dieses Buch lesen, die sich vielleicht in ähnlichen Situationen befinden und sich daran festhalten können, dass sie daran Halt finden. Wenn das so ist, dann bin ich wirklich sehr, sehr glücklich.

Was ich mir auch wünschen würde, dass die anderen, die das nicht betrifft, aber das Buch lesen, dann nachvollziehen können, wie es in einem Menschen aussieht, der so etwas erlebt hat und wertschätzen können, in einer Friedenszeit zu leben und in einem Land, in dem kein Krieg herrscht.

Das Interview wurde von der LESEPUNKTE-Redaktion für einen verbesserten Lesefluss gekürzt und an eine geschlechtergerechte Sprache angepasst.

Kurzbiografie

Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte.  Sie ist u.a. Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin, und Kolumnistin bei der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Für mehrere Jahre dolmetschte sie Therapiesitzungen von traumatisierten jungen Frauen, die aus ihren Heimatländer fliehen mussten.


 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Julya Rabinowich (Julia Wagener). In: LESEPUNKTE, URL: https://lesepunkte.de/interview/julya-rabinowich-ueber-ihren-neuen-jugendroman-dazwischen-ich-und-was-fuer-sie-heimat-bedeutet/
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