Frank M. Reifenberg und Christian Tielmann im Interview mit den LESEPUNKTEN über ihr Buch “Ocean City- Jede Sekunde zählt”, die Bedeutung von Freizeit und das Schreiben als Autorenduo

Frank M. Reifenberg und Christian Tielmann im Interview mit den LESEPUNKTEN über ihr Buch “Ocean City- Jede Sekunde zählt”, die Bedeutung von Freizeit und das Schreiben als Autorenduo

Ocean City – Jede Sekunde zählt bildet den Auftaktband einer Trilogie, die die Grenzen zwischen utopischen und dystopischen Zukunftsentwürfen verschwimmen lässt.

R. T. Acron: Ocean City – Im Versteck des Rebellen, dtv 2018

Im Mai 2018 waren die LESEPUNKTE im Gespräch mit dem Kölner Autorenduo R. T. Acron.

 

Zum Inhalt des Buches:

In Ocean City – Jede Sekunde zählt wird Jacksons bester Freund Crockie von Sicherheitskräften von Ocean City, einer auf dem Meer schwimmenden Megacity, verschleppt. Grund dafür: Crockie hat – ganz zum Ärgernis des Geheimdienstes und der Führungsriege – das Zahlungssystem der Stadt angezapft. Jackson begibt sich auf die Suche nach seinem Freund und dem verräterischen Gerät, welches sie gemeinsam entwickelt haben, doch weiß er nicht so recht, wo in der 15-Millionen-Stadt er seine Suche starten soll…


 

LESEPUNKTE: Die Geschichte rund um die Ocean City lebt davon, dass in der Stadt mit Zeit und nicht mit Geld bezahlt wird. Denken Sie, das ist eine Zukunftsvision, die uns irgendwann tatsächlich einmal betreffen wird?

Tielmann: Möglich wäre es, wenn ich es auch für unrealistisch halte, dass es tatsächlich eintritt. In Schweden gibt es bereits Menschen, die sich tatsächlich einen Chip unter die Haut setzen lassen zur Identifikation beim Öffnen von Türen zum Beispiel, was ja ganz praktisch ist. Und bargeldloses Bezahlen gibt es ja auch schon eine ganze Weile und das absolute Verschwinden des Bargelds steht uns meiner Meinung nach bevor – das haben wir in Ocean City einfach noch einen Schritt weitergedacht, in gewisser Weise zugespitzt und eben die Zeit als Währung eingesetzt.

 

LESEPUNKTE: Beim Lesen von Ocean City fällt auf, dass viele gesellschaftlich relevante Themen angesprochen werden, wie beispielsweise Krieg, der steigende Meeresspiegel, verunreinigte Lebensmittel und Plastik im Meer. War es Ihnen wichtig, dass auch solche Themen in Ihrem Roman zur Sprache gebracht werden?

Reifenberg: Solche Thematiken sind uns ein Anliegen, aber wir konstruieren ein Buch nicht um bestimmte Themen herum. Wenn man ein Gesellschaftssystem wie in Ocean City konstruiert, kommen solche Themen zwangsläufig auf.

Tielmann: Wir wollten mit dem konstruierten Gesellschaftssystem derartige Themen über den Tellerrand hinaus durchdenken – und da waren wir an manchen Stellen pessimistisch: Plastik zum Beispiel wird unserer Meinung nach in 200 Jahren nicht aus dem Meer verschwunden sein, sondern zu großen Problemen führen oder – wie in Ocean City – ein begehrter Rohstoff sein.

 

LESEPUNKTE: Neben Zeit ist ja auch Freiheit ein sehr wichtiges und umstrittenes Gesprächsthema im Buch, Motor für viele Handlungen, die im Buch passieren, und Entscheidungen, die getroffen werden. Welchen Wert hat Freizeit für Sie persönlich?

Tielmann: Wir definieren den Menschen in unserer Gesellschaft sehr viel über Leistung, insbesondere über Arbeitsleistung. Was davon die Kehrseite ist, wollten wir in Ocean City zeigen, wo der Mensch nur wert ist, was er leistet. Und diesen Zwang zu Leistung stellen wir in Ocean City auch mit Gewalt dar. Schon Kinder und Jugendliche, unsere LeserInnen, wachsen in der heutigen Zeit auf mit einem immensen Leistungsdruck, der auf ihren Schultern lastet. Für diese gegenwärtige Entwicklung hin zur Leistungs- und Arbeitsgesellschaft möchten wir in Ocean City sensibilisieren. So ist auch der Slogan „Freizeit ist Freiheit“ entstanden. Die freie Zeit ist die Zeit, in der wir uns wirklich frei unseren Bedürfnissen und dem hingeben können, was uns guttut.

Reifenberg: Bei Lesungen fragen Kinder häufig auch danach, was wir in unserer Freizeit machen und welche Hobbies wir verfolgen. Wenn ich darauf mit vollem Ernst sage, dass ich gerne ‚faulenze‘, dann brechen die Kinder und Jugendlichen häufig in Gelächter aus, denn das ist für sie häufig unvorstellbar.

 

LESEPUNKTE: Einer unserer NachwuchliteraturkritikerInnen, der Ocean City gelesen und rezensiert hat, hat sich eine ganz ähnliche Frage gestellt: Was machen Sie beiden denn, wenn Sie nicht gemeinsam an einem Buch schreiben? 

Tielmann: Dann schreibt jeder für sich an einem Buch (lacht).

Reifenberg: Ja das ist tatsächlich so, da kommt man als AutorIn nicht drum herum. Wir haben ja hauptsächlich eigene Projekte und nur einen begrenzten Zeitraum, in dem wir zusammenarbeiten.

 

LESEPUNKTE: Haben Sie einen Lieblingsort in Köln zum ‚Faulenzen‘?

Reifenberg: Meinen Schrebergarten in Ossendorf.

Tielmann: Ich laufe gern durch die Flora.

 

LESEPUNKTE: Den ersten Band von Ocean City haben Sie innerhalb von sechs Wochen in den Sommerferien geschrieben, ging das beim zweiten Band, der im Juli 2018 veröffentlicht wurde, genauso schnell? 

Reifenberg: Das Schreiben hat beim ersten Band tatsächlich nur einige Wochen gedauert, beim Zweiten schon ein bisschen länger, weil es dann natürlich deutlich komplexer wurde, was den Inhalt betrifft. Aber selbst das ging, obwohl wir es als langsam empfunden haben, auch noch relativ zügig.

Tielmann: Dass das Schreiben vor allem beim ersten Band so schnell ging, lag aber auch an unserer intensiven Vorarbeit. Das ‚Plotting‘ – also der Entwurf der Handlungsstruktur im Buch – hat fast ein ganzes Jahr in Anspruch genommen. Es war uns wichtig, die Handlung für die 6. Und 7. Klasse spannend und mit hohem Tempo zu gestalten und deshalb haben wir vorab schon viel Energie in den Handlungsverlauf reingesteckt. Außerdem haben wir schon vor dem eigentlichen Schreiben damit angefangen, die Figuren charakteristisch zu entwickeln.

Während des Schreibprozesses wechseln wir uns immer ab: Der Eine schreibt dann immer für zwei Tage, dann schickt man es dem Anderen und hat dann selbst zwei Tage frei. Dadurch gab und gibt es auch für uns immer wieder Überraschungsmomente darüber, wie sich die Geschichte in den letzten zwei Tagen weiterentwickelt hat – das ist wirklich klasse am gemeinsamen Schreiben.

 

LESEPUNKTE: Haben Sie denn auch in bestimmten Phasen zusammengeschrieben?

Reifenberg: Nein, zusammen zu schreiben funktioniert bei uns nicht. Das Schreiben und Formulieren an sich ist für uns beide eine einsame Tätigkeit. Und gerade deshalb ist es für uns sehr hilfreich, das Manuskript zwischendurch auch mal ‚aus der Hand‘ zu geben, gerade wenn man an einen Punkt gelangt, an dem man das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verlieren droht.

 

LESEPUNKTE: Die perfekte Steilvorlage für meine nächste Frage: Für Jackson aus Ocean City ist ja der Parcours das, woran er sich immer wieder festhalten kann, wenn er nicht weiß, wie es weitergehen soll. Haben Sie auch etwas, das Ihnen hilft, in stressigen oder resignierenden Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren?

Tielmann: Also für mich ist das auf jeden Fall das Spazieren gehen, denn die Tätigkeit der Beine und des Gehirns hängen stark zusammen. Beim Spazieren gehen nehme ich das Problem mit und ich versuche, mich reflektiert und ganz bewusst damit auseinanderzusetzen. Aber manchmal hilft mir auch Kaffee, Schokolade und der ganze Kram – so perfekt funktioniere ich nun auch wieder nicht (lacht).

Reifenberg: Also bei mir gibt es nie Probleme (alle lachen). Nein, mal im Ernst: Das wichtige ist die Balance zwischen ‚ein bisschen loslassen‘ und ‚es nicht wegfließen lassen‘. Ich versuche, nicht gleich bei dem kleinsten Problem den Kopf in den Sand zu stecken.

 

LESEPUNKTE: Die Protagonisten aus Ocean City stecken Ihren Kopf auch nicht in den Sand, obwohl Sie immer wieder vor neue, actionreiche und scheinbar ausweglose Herausforderungen gestellt werden. Wo holen Sie sich die Inspiration für die ganzen raffinierten und sehr ausgefeilten Plots?

Reifenberg: Genau diese Frage stellen uns auch immer Jugendliche auf unseren Lesungen. Ich kann dann immer nur sagen: Wir suchen die Plotideen nicht großartig, die kommen uns einfach in den Sinn. Wenn wir – ich denke ich kann für uns beide sprechen – mit dem Schreiben anfangen, dann klappen diese kleinen Fächer oder Dateien in unseren Köpfen auf und die ganzen Ideen wollen verarbeitet werden. Allein für den ersten Band hatten wir tatsächlich noch Material für 600 weitere Seiten. Wir mussten damit kämpfen, viele Handlungsstränge auf das Wesentliche zu kürzen oder wegzulassen – was ich auch ein bisschen schade finde. 

 

LESEPUNKTE: Eine weitere Frage von unserem Nachwuchsliteraturkritiker: Er würde gerne wissen, was sie beide dazu angeregt hat, Autoren zu werden?

Tielmann: Für mich war das ein Moment in der dritten Klasse. Ich konnte nicht so gut Schreiben und vor allem konnte ich keine Rechtschreibung und dann hatten wir das Thema Gedichte. Gedichte setzen sich ja manchmal einfach über grammatisch Vorgaben hinweg. Der Lehrer begründete das damit, dass sich der Verfasser bzw. die Verfasserin dichterische Freiheit ‚erlauben‘ würde. In dem Moment dachte ich: „Das ist mein Job!“. Mit 16 habe ich dann festgestellt, dass ich gerne erzähle und einfach angefangen zu schreiben.

Reifenberg: Meine Antwort ist absolut frustrierend für alle, die ans ‚Genie‘ glauben oder an große Leidenschaft. Ich wollte nie schreiben, als junger Mensch nicht und auch als ‚mittelalter‘ Mensch wäre ich nie auf die Idee gekommen, zu schreiben. Ich hatte eine gewisse Verbindung zum Wort und habe selber immer wahnsinnig viel gelesen, hab auch immer gern Geschichten erzählt, aber hatte nie diese Idee, dass das auch ein Beruf für mich sein könnte. Und als ich vor 20 Jahren einen beruflichen Break gemacht habe, habe ich mich auf Raten eines Freundes an der internationalen Filmschule in Köln für einen Ausbildungsgang beworben und dann ergab eins das andere.

 

LESEPUNKTE: Es ist ja schon klar, dass Ocean City eine Trilogie wird. Wollen Sie uns verraten, wie es in Band 2 und 3 weitergeht? 

Tielmann: Was ich sagen kann: Im ersten Band sind wir auf dem Wasser. Im zweiten Band sind wir ganz wo anders.

Reifenberg: Es wird genauso actionreich weitergehen wie in 1. Band. Weder wird das Tempo nachlassen, noch die Brisanz dessen, was mit den Leuten aus Ocean City passiert. Es kommen ganz neue Herausforderungen auf die ProtagonistInnen zu.

 

LESEPUNKTE: Zum Abschluss ein ganz anderes Thema: Warum sollen Jugendliche ihrer Meinung nach ein Buch in die Hand nehmen und nicht (nur) auf die Tasten ihrer Spielekonsole drücken?

Reifenberg: Vom mir aus sollen sie gerne beides machen. Ich glaube allerdings, es ist einfacher, auf die Spielekonsole zu verzichten, als auf ein Buch. Gerade das Lesen ist ein enormes Gehirntraining und kann sehr viele Anstöße dazu geben, über kulturelle und emotionale Aspekte (von Gesellschaft) nachzudenken. 

Tielmann: Für mich ist Literatur etwas, das sehr starke Konzentration erfordert und fördert – und das ist für mich etwas sehr Beruhigendes. Als AutorInnen können wir lediglich dazu einladen, sich eine Pause vom stressigen Alltag zu gönnen und sich auf etwas einzulassen, das sich komplett im Kopf abspielt. Es geht um Lebenszeit, die wir nicht wiederkriegen, und darum, wie wir diese uns zugestandene Zeit nutzen. Ich bin davon überzeugt, dass jemand, der von sich selbst sagt, er fände Lesen langweilig, sein Buch einfach noch nicht gefunden hat.

LESEPUNKTE: Ein Buch wie Ocean City findet sicher niemand langweilig, wenn er/sie erst einmal in die Geschichte eingetaucht ist! Ich danke Ihnen für das Interview.

 


Anmerkung der Redaktion: Einige der im Interview an das Autorenduo gestellten Fragen wurden von unserem Nachwuchsliteraturkritiker Luca Hermann (6. Klasse) entwickelt. Seine Rezension zu Ocean City – Jede Sekunde zählt (Band 1) kann gelesen werden unter: https://lesepunkte.de/rezensionen/r-t-acron-ocean-city-jede-sekunde-zaehlt/.

 

„Ocean City – Jede Sekunde zählt“ (Band 1) vom Kölner Autorenduo R. T. Acron ist erhältlich im dtv Verlag (2018), ISBN: 978-3-423-76199-4, 14,95 €

„Ocean City – Im Versteck des Rebellen“ (Band 2) vom Kölner Autorenduo R. T. Acron ist seit Juli ebenfalls erhältlich im dtv Verlag (2018), ISBN: 978-3-423-76218-2, 14,95 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Frank M. Reifenberg und Christian Tielmann (Jana Rüttgers). In: LESEPUNKTE 2018, URL: https://lesepunkte.de/interview/frank-reifenberg-und-christian-tielmann-im-interview-mit-den-lesepunkten-ueber-ihr-buch-ocean-city-jede-sekunde-zaehlt-die-bedeutung-von-freizeit-und-das-schreiben-als-autorenduo
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