Tamara Bach über ihr erstes Glückwunsch-Telegramm, eine Kuh als Haustier und ihre Freude am Schreiben

Tamara Bach über ihr erstes Glückwunsch-Telegramm, eine Kuh als Haustier und ihre Freude am Schreiben

Wenn der Text eine Melodie hat, dann schreibt er sich eigentlich von selbst.“ (Tamara Bach; Foto: © Carlsen Verlag )

Am 8. Dezember hatten alle interessierten KölnerInnen die Chance, der vielfach ausgezeichnete Jugendbuchautorin Tamara Bach beim Vorlesen aus ihrem neuen Roman "Vierzehn" zu lauschen und im Anschluss alle Fragen, die sie schon immer an sie hatten, loszuwerden. Für die LESEPUNKTE nahm sich Tamara Bach noch Zeit für weitere Fragen.

Tamara Bach liest in der Kölner Stadtbibliothek aus ihrem neuen Roman "Vierzehn"

Tamara Bach (links) liest in der Kölner Stadtbibliothek aus ihrem neuen Roman "Vierzehn". Die Germanistikprofessorin Gabriele von Glasenapp (rechts) führte mit einer herzlichen Vorstellung der Autorin in den Abend ein.

LESEPUNKTE: „Du hast eine Karte bekommen. Du bekommst sonst nie Post. ... Du gehst postkartenblind in die Küche...“ In Ihrem neuen Roman „Vierzehn“ erhält Ihre Hauptfigur Beh eine Postkarte mit Elefanten und ist vollkommen entzückt. Haben Sie selbst auch schon einmal eine vergleichbare Postkarte wie Beh erhalten?

Tamara Bach: Mehrere. Ich komme noch aus der „Briefeschreib-Generation“ und hatte viele Brieffreunde. Außerdem halte ich bis heute Menschen dazu an, wenn sie irgendwo im Urlaub sind, mir eine Postkarte zu schreiben, entweder die schönste oder die hässlichste Postkarte, die sie finden können, sehr gerne mit Tieren. Und natürlich habe ich auch schon von jungen Herren schöne Postkarten bekommen. Eine Postkarte ist immer ein Kleines: „Ich hab’ an Dich gedacht.“ Es ist für mich etwas anderes als eine SMS zu schreiben. Es bedeutet, die Person hat einen Stift rausgeholt, eine Karte gekauft, ne Briefmarke draufgeklebt und ist zum Briefkasten gegangen, wobei Briefe natürlich immer noch das absolute Nonplusultra sind.

Vierzehn

LESEPUNKTE: Wie kamen Sie zum Schreiben?

Tamara Bach: Wieso schreiben andere Leute eigentlich nicht? Das ist die Frage, die ich mir stelle. Wie ich dazu kam, weiß ich nicht genau. Es hat wahrscheinlich ganz unterschiedliche Gründe. Es ist sicherlich eine Veranlagung.  Vielleicht nehme ich sehr vieles aus meiner Umwelt wahr und muss das alles irgendwie wieder loswerden, manche Leute malen und ich schreibe. Außerdem habe ich schon immer gerne Geschichten erzählt. Beispielsweise habe ich noch bevor ich lesen konnte, meinen Kuscheltieren Märchen erzählt. Zudem komme ich aus einer Familie mit Witzeerzählern. Während der Schulzeit hatte ich einen unterstützenden Lehrer, der sagte: „Guck mal, die Tamara kann ja gut schreiben.“ Und dass ich Schriftstellerin geworden bin, war im Endeffekt Zufall. Ich habe immer sehr gerne geschrieben.

LESEPUNKTE: Ihr erstes Buch „Marsmädchen“ wurde noch in der Skriptfassung mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Haben Sie damals damit gerechnet? Und was veränderte sich dadurch für Sie?

Tamara Bach: Nein habe ich nicht. Irgendwann klingelte das Telefon: „Frau Bach, setzen Sie sich bitte. Ich komme gerade aus der Jury-Sitzung. Sie haben den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen.“ Das war lustig. Danach habe ich mit Freunden über den Preis gesprochen und einer hatte die Idee: „Von dem Preisgeld kannst Du Dir eine Kuh kaufen.“ Das habe ich übrigens nicht getan. In einer Wohngemeinschaft (WG) mitten in Berlin konnte ich mir eine Kuh auf lange Sicht nicht vorstellen. Obwohl, vielleicht im Hinterhof? Bis zur Preisverleihung war alles sehr abstrakt, fast unwirklich. Und von der Preisverleihung an sich habe ich vor Aufregung fast nichts mitbekommen. Dort wurden schöne Sachen über mich gesagt, meine Familie war da und viele andere Menschen, einige wollten ein Interview mit mir und ich habe sogar ein Telegramm bekommen. Ein Glückwunsch-Telegramm! Ich habe vorher noch nie in meinem Leben ein Telegramm bekommen und dachte auch, dass keine/r mehr sowas schreibt. Es war alles schön und verwirrend für mich, schön-verwirrend. Das ausgezeichnete Buch kam dann erst ein Jahr später raus.

LESEPUNKTE: Sie haben einen sehr besonderen, speziellen Schreibstil. Man könnte ihn vielleicht als reduziert charakterisieren oder als Telegrammstil bezeichnen. Haben Sie sich diesen Stil mit der Zeit angeeignet oder war dies von Beginn an Ihr Erkennungszeichen?

Tamara Bach: Der hat sich irgendwann aus unterschiedlichen Gründen rauskristallisiert. Ich war mit 17 zum ersten Mal zum Treffen junger AutorInnen eingeladen. Dort hatte ich erstmals Austausch mit anderen schreibenden Jugendlichen, habe Workshops besucht und Unterschiedliches ausprobiert. Im Lektorat lernt man auch noch einmal sehr viel. Man setzt sich zusammen und bespricht Texte. Bspw. merkt man, dass es weniger Adjektive braucht, als man denkt. Die eigene Sprache hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Ich lese mir beim Schreiben auch immer vor und merke so, was funktioniert und was nicht. Schließlich verdiene ich mit Lesungen auch mein Geld. Da möchte ich beim Vorlesen nicht ständig holpern und stolpern. Wenn der Text eine Melodie hat, dann schreibt er sich eigentlich von selbst. Die Melodie singt sich dann einfach selbst weiter. Meine Art zu schreiben hat mit meinem Germanistikstudium nichts zu tun. Ich habe meine Texte nie unter literaturwissenschaftlicher Sicht betrachtet. Ich bin sowieso der Meinung, dass jeder Mensch, der über Bücher und Texte anfängt zu reden, LiteraturwissenschaftlerIn ist. Jede/r, der ein Buch gelesen hat, hat dazu eine Meinung, Assoziationen und Gedanken.

LESEPUNKTE: Was mögen Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Tamara Bach: Das Schreiben und das Reisen. Ich war gerade in der Ukraine. Das hat Spaß gemacht. Manchmal muss ich mich aber auch zum Schreiben treten, sobald ich im Text „drin“ bin, ist es mit die schönste Sache der Welt. Außerdem macht es mir sehr viel Spaß, wenn SchülerInnen tatsächlich die Bücher gelesen haben und sich ernsthaft mit mir austauschen wollen. Die Gespräche können sehr interessant sein.

 

Das Interview wurde von der LESEPUNKTE-Redaktion für einen verbesserten Lesefluss gekürzt und an eine geschlechtergerechte Sprache angepasst.

Kurzbiografie
Tamara Bach schreibt bereits seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gern Geschichten. Seit dem außergewöhnlichen Erfolg ihres Romans "Marsmädchen", für den sie bereits während ihres Englisch- und Deutschstudiums mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde, ist das Schreiben nicht nur ihr liebstes Hobby, sondern auch ihr(e) Beruf(ung). Dies war in jedem Fall die richtige Entscheidung - zumindest kann sie sich seitdem vor weiteren Auszeichnungen kaum retten, wie dem begehrten Deutschen Jugendliteraturpreis.


 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Tamara Bach (Julia Haas). In: LESEPUNKTE, URL: https://lesepunkte.de/interview/tamara-bach-im-interview-mit-den-lesepunkten-ueber-ihr-erstes-glueckwunsch-telegramm-eine-kuh-als-haustier-und-ihre-freude-am-schreiben/
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