Die Autorin Dagmar Chidolue im Interview mit SchülerInnen des Max-Ernst-Gymnasiums in Brühl auf der lit.kid.cologne

Die Autorin Dagmar Chidolue im Interview mit SchülerInnen des Max-Ernst-Gymnasiums in Brühl auf der lit.kid.cologne

"Ich bin gerne ein bisschen frech innendrin." (Dagmar Chidolue) 

Die SchülerInnen Louisa, Pauline und Luis des Max-Ernst-Gymnasiums in Brühl hatten die Gelegenheit die mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Autorin Dagmar Chidolue auf der lit.kid.cologne zu ihrem neuen Jugendroman "Sugar" zu interviewen:

lit.cologne

In entspannter Atmosphäre im Comedia Theater in der Kölner Südstadt interviewen die SchülerInnen die Autorin Dagmar Chidolue. Von links: Pauline, Dagmar Chidolue, Louisa, Luis und Dagmar Lorenzen (Lehrerin am Max-Ernst-Gymnasium in Brühl)

Luis: Hallo wir sind Louisa, Pauline und Luis vom Max-Ernst-Gymnasium aus Brühl und haben heute ein paar Fragen an Dagmar Chidolue.

Louisa: Für welche Altersgruppe macht es Ihnen am meisten Spaß, Bücher zu schreiben?

Dagmar Chidolue: Da würde ich mich gar nicht so festlegen. Zu schreiben angefangen habe ich für Jugendliche, danach habe ich für Kinder geschrieben, dann gezielt für GrundschülerInnen und inzwischen sogar für Kindergartenkinder. Mir macht das alles Spaß, weil die Bandbreite groß ist, und das finde ich gut.

Paulina: Welches Ihrer Bücher liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?

Dagmar Chidolue: Das ist im Moment „Sugar“, das Jugendbuch. Ich hatte Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden, weil man mir sagte, das ist ja keine Vampirgeschichte, keine Romantic-Fantasy-Geschichte, sondern realistisch. Und gerade das liegt mir am Herzen, weil es eine echte Geschichte ist. So ist es im Moment das Buch, das ich gerne ein bisschen pushen möchte.

Luis: Welche Rolle spielt Ihre Familie im Entstehungsprozess der Bücher?

Dagmar Chidolue: Gerade die Enkelkinder liefern natürlich unheimlich viel Stoff für die Geschichten für GrundschülerInnen. Da halte ich die Ohren auf und quetsche sie auch ein bisschen aus. Früher waren es meine Töchter, die wichtig für das Schreiben waren. Ich habe auch immer hingehört, was sie in der Schule erlebten.

Louisa: Als Sie angefangen haben Bücher zu schreiben, hat sich da viel in Ihrem Leben geändert?

Dagmar Chidolue: Überhaupt nicht, weil der Alltag ja weiter ging. Und man hofft immer, man schreibt ein Buch, und das wird ein Bestseller. Bei dem ersten Buch habe ich überlegt, das ist so toll, wir haben 88 Millionen Einwohner, und wenn jeder Zehnte das Buch kauft, weil es so toll ist, dann hätte ich 8 Millionen Bücher verkauft. Das ist ja alles Quatsch. Das ist ja mühsam, weil der Markt sehr turbulent ist, weil immer wieder Neues erscheint und es Trends gibt. Richtig verändert hat es nicht so viel, außer dass ich Reisen mache für meine Kinderhauptfigur, die Millie, die eben auf Reisen ist,und das kommt mir sehr entgegen. Von Kindheit her reise ich auch sehr gerne.

Pauline: Sie kennen Benno ja persönlich. Durch wen haben Sie ihn denn kennengelernt?

Dagmar Chidolue: Er ist mir in meinem Hauptberuf begegnet und hat mir ganz viel von sich erzählt. Ich fand das so faszinierend, dass ich dachte, diese Geschichte musst du schreiben.

Luis: Haben Sie trotz des vielen Bücherschreibens noch Zeit für die Familie?

Dagmar Chidolue: Familie, das sind ja meine zwei Töchter mit ihren Kindern. Mein Mann ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Nur ab und zu hüte ich eine Enkeltochter, so alle 6 Wochen von Freitag bis Sonntag. Dann nehme ich mir die Zeit. Ich muss den ganzen Tag „Phase 10“ spielen und „Rummikub“ und „Memory“, wobei ich immer verliere. Ich finde das auch ganz wichtig für mich.

Louisa: Was ist die peinlichste Erfahrung, die Sie beim Schreiben oder Lesen gemacht haben?

Dagmar Chidolue: Ich musste vor Jahren vor einer neunten Klasse lesen und dachte, ich fang das alles ganz locker und witzig an. Es waren zwei oder drei Klassen auf einmal. Und dann fing ich so an, dass ich sagte, ihr seid neunte Klassen, ich habe gehört, dass neunte Klassen für eine/n AutorIn das schlimmste sind, was man sich vorstellen kann. Sie waren sehr beleidigt. Sie haben mir hinterher einen Brief geschrieben, wie schlimm das war, und das fand ich im Nachhinein ganz, ganz besonders peinlich. Die Klassen konnte ich gar nicht „kriegen“, auch nicht bei den Fragen. Die wollten gar nichts mehr von mir wissen, und das habe ich mir gemerkt. Ich fand das auch blöd von mir. Das mache ich nicht mehr.

Pauline: Wurden Sie schon einmal von LeserInnen auf der Straße einfach so erkannt?

Dagmar Chidolue: Ja, das gab es auch schon einmal. Wenn ich in einem kleinen Ort bin und die Kinder wissen, ich komme zur Lesung, hängen dort Plakate. Dann spricht mich schon einmal eine/r an. Man kennt mich ja nur durch das Plakat, und sie wissen, dass ich komme. Das sind dann auch die ZuhörerInnen.

Luis: Bei den Recherchen zu Ihrem Buch haben Sie ja zum Beispiel Benno befragt. Haben Sie auch noch weitere Recherchen gemacht?

Dagmar Chidolue: Ja. In dem Buch geht es auch um dieses Handicap, er stottert. Ich musste ganz viel drüber lesen, weil ich auch nichts Falsches schreiben konnte. Dazu passte noch, dass ich vier Menschen kenne, die gestottert haben. Drei sind es losgeworden und einer eben nicht, und es gibt auch eigene Erfahrungen von vor vielleicht dreißig oder vierzig Jahren. Die sind reingeflossen. Aber ich musste auch viel drüber lesen.

Louisa: Liest Ihre Familie Ihre Bücher?

Dagmar Chidolue: Im Moment ist es nur noch eine Enkeltochter, die die Millie-Bücher liest, weil sie Grundschülerin ist. Meine Töchter haben es sich abgewöhnt, weil ich im Moment in jedem Jahr so an die fünf Bücher mache. Die haben alle selber viel zu tun, aber sie nehmen die Bücher gerne mit. Das ist es dann auch.

Pauline: Sie sind ja viel um die Welt gereist für Ihre Bücher. Welche Reise hat Sie am meisten beeindruckt und warum?

Dagmar Chidolue: Die tollste Reise ist die zum Nordpol. Ich fand es faszinierend, oben auf der Welt zu stehen.

Luis: Sie wurden mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Was hat sich seitdem für Sie als Schriftstellerin verändert?

Dagmar Chidolue: Doch ganz viel. Da ging es so richtig los. Das Buch wurde sehr bekannt und sehr viel verkauft. Verändert hat sich dadurch, dass ich dann in der Lage war, mit meiner Familie ein eigenes Häuschen zu kaufen.

Louisa: Warum schreiben Sie hauptsächlich von starken Menschen, die es schaffen, ihre Angst zu überwinden?

Dagmar Chidolue: Früher habe ich nur über sogenannte starke Mädchen geschrieben. Und auch über Millie, die Grundschülerin. Über freche Mädchen. Erstens fallen sie mir auf, und zweitens denke ich, dass ich früher sehr still, sehr schüchtern, sehr verträumt war, dass ich aber in mir genauso frech war. Ich hatte immer diese frechen Gedanken, und deswegen kann ich mich ganz toll in Millie versetzen. Ich darf in einem Museum, wenn ich ein Bild sehe, wie Millie denken: "Was ist das für ein „Schitt“, wer hat denn das hier gemacht?" Aber als Erwachsener kann ich das nicht machen, weil das immer große Kunst ist oder so, und ich bin gerne ein bisschen frech innendrin.

Pauline: Für welches Alter können Sie am besten schreiben?

Dagmar Chidolue: Im Moment ist es tatsächlich für GrundschülerInnen. Vielleicht ist es auch die Nähe zu den GrundschülerInnen in der eigenen Familie. Meine große Enkeltochter Catharina muss mir viel erzählen. Wenn sie eine Klassenfahrt macht, soll sie mir alles erzählen. Das mag sie nicht gerne. Ich muss sie dann ausquetschen, und deswegen schreibe ich gerne für erste bis vierte Klasse.

Luis: Was ist Ihre Inspiration, um immer weiter Bücher zu schreiben? 79 Bücher sind schon eine beachtliche Leistung.

Dagmar Chidolue: Es ist wirklich die Langeweile. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich sonst machen soll. Ich möchte nicht zuhause sitzen und Strümpfe stricken müssen aus lauter Langeweile, sondern ich schreibe dann. Ich höre erst auf, wenn ich im Kopf plemplem bin.

Louisa: Ich habe im Internet gelesen, dass Sie oft mindestens ein Jahr zur Vorbereitung - zum Beispiel für die Millie-Bücher - brauchen. Da stand aber auch, dass Sie dann ein Buch in knapp einem Jahr fertig verfassen. Wie schaffen sie das?

Dagmar Chidolue: Ja, also beim „Nordpol“ lese ich erst einmal alles vorher über den Nordpol. Ich lese alle Abenteuerreisen und ForscherInnenreisen. So bin ich schon mal gewappnet. Anschließend fahre ich hin, und schreibe dann schon. Die dauert ja über zwei Wochen, so eine Reise. Ich habe natürlich einen Notizblock dabei und schreibe alles auf, was passiert. Hoffentlich passiert auch immer was, hoffentlich sind auch Kinder dabei. Dann habe ich die Szenen, und zuhause liegen der Block und die Fotos als Erinnerung. Und schließlich wird von morgens bis abends geschrieben, wenn ich zuhause und nicht auf Lesungen bin. Und so schaffe ich es schon in einem Monat. Danach muss ich es wieder für drei bis vier Wochen liegenlassen, und dann noch einmal mit einem fremden Kopf drangehen und sozusagen mit Rotstift in der Hand lesen.

Pauline: Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie Ihr Studium abgebrochen haben, um Bücher zu schreiben?

Dagmar Chidolue: Mein Vater fand das nicht gut. Meiner Mutter war das egal. Ich bin dann zu meinem Mann nach England gegangen, und mein Vater hat gedacht: ja, Scheiße, das hat er gedacht. Mit dem bin ich aber ausgesöhnt, der war ganz stolz auf mich; er ist im späteren Alter ganz süß geworden.

Julia Haas: Ja dann vielen Dank Frau Chidolue für dieses schöne Interview und für die schöne Lesung. Wir wünschen Ihnen noch ganz viel Spaß auf der lit.cologne.

Louisa, Pauline, Dagmar Chidolue, Luis

Die SchülerInnen Louisa, Pauline und Luis vom Max-Ernst-Gymnasium in Brühl mit der Autorin Dagmar Chidolue

Hier gibt's die Audiodatei des Interviews:

Ihr habt Lust die Rezension des Jugendromans "Sugar" zu lesen? Über diesen Link geht's zur Rezension: "Sugar"

 

Kurzbiografie:

Dagmar Chidolue, Jahrgang '44, schreibt seit über vierzig Jahren Kinder-und Jugendbücher. 1986 wurde Sie für Ihren Jugendroman "Lady Punk" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezichnet. Bekannt wurde Sie außerdem mit Ihren Millie-Büchern, die seit 1991 bis heute die Lese-und Reisefreude von Grundschulkindern wecken.

 

Das Interview wurde von der LESEPUNKTE-Redaktion für einen verbesserten Lesefluss gekürzt und an eine geschlechtergerechte Sprache angepasst. Das ausführliche Interview steht für Euch als Audiodatei bereit.

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Dagmar Chidolue (Louisa Z., Pauline W., Luis Miguel S.): In: lesepunkte 2016, URL: http://lesepunkte.de/interview/die-kinder-und-jugendbuchautorin-dagmar-chidolue-im-interview/
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