Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Lesepunkte: 5 Punkte
Autor: Harper Lee
Titel: Wer die Nachtigall stört
Verlag: Rowohlt, 2016 ISBN: 978-3-499-21754-8
Seiten: 446 Preis: 9,99 Euro
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

Rezensiert von: Gesine Geupel, 12. Klasse Q2 [Max-Ernst-Gymnasium, Brühl; Betreut von: Dagmar Lorenzen]

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Klassiker, der hier in einer Neuausgabe vorliegt. Der Roman nimmt mit in den Süden der USA in den dreißiger Jahren und könnte doch nicht aktueller sein: Rassismus, gesellschaftliche Spaltung und die Frage nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit erschüttern unsere Gesellschaft heutzutage wie damals in ihren Grundfesten.

Lee erzählt von den Geschwistern Jem und Louise „Scout“ Finch, die im fiktiven Örtchen Maycomb aufwachsen. Aus Scouts Perspektive erfährt der Leser/die Leserin von den Geheimnissen der Heranwachsenden, von allem von Arthur „Boo“ Radley, dem mysteriösen Nachbarn, der sein Haus nie verlässt und dem furchteinflößende Dinge nachgesagt werden. Jem und Scout setzen alles daran, ihn zu Gesicht zu bekommen. Ihr Vater, Atticus Finch, ist alleinerziehender Anwalt und in seinem Welt- und Menschenbild seiner Zeit voraus. Ihm wird die Pflichtverteidigung des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson auferlegt, der beschuldigt wird, die junge, weiße Mayella Ewell vergewaltigt zu haben. Atticus glaubt an die Unschuld des jungen Mannes und setzt sich nachdrücklich für sein Recht ein, gefährdet sogar sein Leben, um ihn zu schützen. Aufgrund dessen wird er von vielen angefeindet und abfällig zum „Negerfreund“ erklärt – Abneigung und Misstrauen, die auch seine Kinder zu spüren bekommen. Sie, die in einem fortschrittlich denkenden Haushalt aufgewachsen sind, stehen nun vor der Herausforderung, eine Weltsicht zu begreifen, in der manche Menschen weniger wert sind als andere. Höhepunkt des Romans ist der große Prozess gegen Tom Robinson, bei dem sich Atticus für seinen Mandanten eigentlich gute Chancen ausrechnet…

Lees einziger großer Roman entwickelte sich aus einer Kurzgeschichtensammlung, was ihm stellenweise anzumerken ist, da es anfangs nur um das Mysterium um Boo Radley geht, welches jedoch fast keine Erwähnung mehr findet, als die Anwalttätigkeiten des Vaters in den Fokus treten. Dass jedoch beide Handlungsstränge am Ende des Romans vereint werden, sorgt noch einmal für Spannung. Der Roman ist generell sehr fesselnd, da er in eine vergangene Zeit entführt und der Leser/die Leserin sowohl bei den kleinen Abenteuern der Kinder mitfiebern kann wie auch bei Atticus' großem Prozess um Tom Robinson.

Besonders gut gefällt mir die Perspektive des Romans. Scout ist zu Beginn der Erzählung sechs, gegen Ende neun Jahre alt, sodass man als LeserIn das Geschehen aus ihrer naiven, kindlichen Sicht verfolgt und dadurch mit eigenen Vorurteilen konfrontiert wird. Die Sichtweise der Kinder regt zum Nachdenken an, da sie aufgrund ihres jungen Alters und ihrer Erziehung noch nicht von der damals verbreiteten Denkweise geprägt sind und diese daher anders reflektieren und hinterfragen. Trotz all der Fehler und kleinen Dummheiten, die die Geschwister begehen, wirken sie vernünftiger als so manche erwachsene Figur. So wünscht man sich als LeserIn der heutigen Zeit, dass viele Menschen mehr Kind wären.

Zudem ist „Wer die Nachtigall stört“ ein bedeutender Klassiker, der in vielen anderen Büchern Erwähnung findet – und allein um derartige Verweise zu verstehen, ist es als VielleserIn vorteilhaft, diesen Roman gelesen zu haben. Begeisterte LeserInnen von „Tom Sawyer“ oder „Vom Winde verweht“ werden auch dieses Buch mögen, das zwar das gleiche Thema behandelt, aber eine neue Perspektive eröffnet. Zwar beruht das Buch auf keiner konkreten Begebenheit, doch als Kind seiner/ihrer Zeit liefert es einen tiefen und überzeugenden Einblick in die damalige Denkweise und die Geschehnisse jener Jahrzehnte.

In dieser modernen Neuausgabe wurde eine Übersetzung aus den sechziger Jahren überarbeitet, sodass die vorliegende Ausgabe verständlich und gut lesbar ist. Die Aufmachung des Buchs überzeugt durch einen stimmungsvoll gestalteten Schutzumschlag und ein nützliches Lesebändchen.

Insgesamt kann ich den Roman „Wer die Nachtigall stört“ sehr empfehlen, da er aus einer ungewöhnlichen Perspektive eine Geschichte erzählt, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat und die spannend zu verfolgen ist und gleichzeitig zum Nachdenken über Gerechtigkeit in unserer heutigen Gesellschaft anregt.

Empfohlene Zitierweise

Gesine Geupel, Rezension von: Harper Lee: Wer die Nachtigall stört, In: LESEPUNKTE, URL: https://lesepunkte.de/rezensionen/harper-lee-wer-die-nachtigall-stoert/
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