Illustratorin Miriam Zedelius über das von ihr illustrierte Bilderbuch „Oje, ein Buch!“, ihren Beruf und die Fähigkeit, die Welt „andersrum“ zu betrachten

Illustratorin Miriam Zedelius über das von ihr illustrierte Bilderbuch „Oje, ein Buch!“, ihren Beruf und die Fähigkeit, die Welt „andersrum“ zu betrachten

„Für mich sind Bilderbücher, Kinderbücher, Romane und Comics Literatur, da mache ich keine Unterscheidung.“

 

Lesepunkte: Was ist das Besondere an dem von Ihnen illustrierten Bilderbuch „Oje, ein Buch!“?

Zedelius: In „Oje, ein Buch!“ stecken zwei Geschichten. In der einen begegnen sich zwei Menschen, ein kleiner und ein großer, die zusammen ein Buch lesen. In der anderen lesen WIR das Buch im Buch! – Ich liebe die Geschichte in der Geschichte, in der eine kleine Maus den viel größeren Drachen auffrisst! Es ist typisch für den Autor Lorenz Pauli, dass Dinge passieren, die man nicht erwartet und die jede rationale Argumentation eines Erwachsene außer Kraft setzen (lacht). Lorenz Pauli zeigt mit seinen Geschichten, dass der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Kinder sind meiner Meinung nach für die „magische“ Welt viel zugänglicher. Sie machen noch keine Unterscheidung zwischen „möglich“ und „unmöglich“, zwischen Alltagswelt und Gedankenwelt.

Lesepunkte: Was waren Ihre ersten Gedanken, als sie den Text von „Oje, ein Buch!“ bekommen haben?

Zedelius: Vor allem die „Geschichte in der Geschichte“ hat mich sofort begeistert. Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit der erwachsenen Hauptperson in der „Vorlese-Geschichte“. Frau Asperilla (die schon in zwei anderen Bilderbüchern von Lorenz und mir vorkam) ist in „Oje, ein Buch!“ zu blöd, ein Buch zu lesen. Das passte mir nicht. Lorenz Pauli hat den Text dann noch etwas geändert: Der kleine Juri vermutet nun, dass Frau Asperilla vielleicht „nur so tut, als ob“. Die Vorstellung, dass Menschen im Zeitalter der Smartphones vielleicht irgendwann nicht mehr wissen, „wie ein Buch funktioniert“, finde ich pessimistisch, aber leider nicht völlig abwegig.

Lesepunkte: Passen Sie Ihre Zeichnungen darauf an, dass Lorenz Pauli in seinen Büchern Menschen, Dinge und Sachverhalte gerne überspitzt darstellt?

Zedelius: Höchstens unbewusst. Wahrscheinlich mag ich Lorenz Paulis Geschichten deswegen so gerne, weil sein Erzählen zu meiner Art, die Welt zu betrachten, passt. Meine Figuren wachsen sozusagen aus seinen Geschichte heraus.

Lesepunkte: Wie würden Sie Ihren Stil selbst beschreiben?

Zedelius: Das ist schwierig. – Er wird oft beschrieben, als wären meine Illustrationen „wie von Kindern gemalt“. Bei der ersten Rezension, in der das stand, habe ich mich gefragt, ob es wohl als Kompliment gemeint ist oder nicht (lacht). Ich habe es aber als solches genommen, denn ich finde Kinderbilder wirklich großartig. Kinder schaffen eine wunderbare Abstraktion in ihren Bildern, die nicht geplant oder gesteuert ist. Zeichnungen von Kindern sind lebendig, man sieht ihnen die Freude am Tun an. Wir Erwachsenen denken oft zu viel und zu kompliziert. Ich sehe das auch bei meinen Illustrationen. Wenn ich länger an einem Bild herumbastele, dann wird es nicht unbedingt besser. Die erste Skizze ist oft lebendiger. Und mich interessiert das Leben und die Bewegung in Geschichten und Bildern, nicht die perspektivische oder anatomische Richtigkeit. Die Figuren sind mir wichtig, nicht das Drumherum oder die Details. Ich zeichne keine Wimmelbilder.

Lesepunkte: Manchmal haben wir Ihre Bilder aber tatsächlich als Suchbilder empfunden, weil man mit jedem Lesen etwas Neues entdeckt hat. Es kam uns vor, als wäre noch eine dritte Geschichte im Buch: die Streiterei der beiden Vögel, die ja im Text mit keinem Wort erwähnt werden. Wie kam es dazu?

Zedelius: Das hat sich im Illustrationsprozess einfach so entwickelt. Erst tauchte ein Vogel auf. Dann war eine Schnecke im Bild. Die Schnecke verschwand wieder. Aber dafür kam der zweite Vogel dazu. Solche kleine Nebenschauplätze sind etwas, das mir einfach Spaß macht. Ich könnte auch nur den vorgegebenen Wörtern durch meine Bilder ein Gesicht geben, was auch schon eine große Aufgabe ist. Ich mag es aber, noch etwas im Bild zu verstecken. Wie eine Geheimtür in immer wieder neue Geschichten – die noch nicht erzählt sind.

Lesepunkte: Was haben Sie für Reaktionen beobachtet, als Sie das Buch zum ersten Mal vorgelesen haben?

Zedelius: Zuerst habe ich es meinen Kindern vorgelesen. Nur den Text, ohne Bilder. Der Große hat sich kaputtgelacht. Dann habe ich es der Jüngsten vorgelesen. Die fand es gar nicht lustig. Aber das liegt vermutlich daran, dass sie ständiges „Gewische“ auf Smartphones nicht kennt. Ihre Welt ist noch nicht so digitalisiert, deshalb versteht sie nicht, warum jemand nicht weiß, wie man ein Buch liest. Bei Lesungen schlüpfe ich manchmal in die Rolle von Frau Asperilla. Die zuhörenden Kinder erklären mir dann, wie man ein Buch lesen muss. Sie benehmen sich genau wie der kleine Juri aus „Oje, ein Buch!“(lacht).

Lesepunkte: Wie kam Frau Asperilla eigentlich zu ihrem Namen?

Zedelius: Frau Asperilla hieß im Text zuerst anders. Als ich sie dann gezeichnet habe, sah sie sehr damenhaft und irgendwie spanisch aus, fand ich. Lorenz hat daraufhin nach alternativen Namen gesucht, weil der ursprüngliche nicht mehr passte. Er hat sie Asperilla genannt – das spanische Wort für Waldmeister.

Lesepunkte: Betrachten Sie manchmal auch Dinge anders herum, wie Juri vorschlägt?

Zedelius: Ich gebe mir in meinen Bildern und Geschichten Mühe, Dinge so zu zeichnen, wie man sie vielleicht noch nie betrachtet hat. So gehe ich auch selbst durchs Leben. Es gibt so viel zu entdecken. Die Welt ist voller Geschichten! Und das ist es, was das Leben für mich so reich und bunt macht.

Lesepunkte: Was hat Ihnen während des Zeichnens am meisten Freude bereitet?

Zedelius: Mir macht es am meisten Freude, Figuren zu zeichnen. In dem Moment in dem ich die Augen und den Mund zeichne, vermitteln sie plötzlich ein Gefühl: sie sind erstaunt oder wütend oder zufrieden oder traurig. Das ist der Moment, in dem sie lebendig werden, dann „guckt mich die Zeichnung an“! Das ist für mich das Schönste am Zeichnen. Speziell bei diesem Bilderbuch hat mich gefreut, dass ich mal einen Drachen und ein Monster zeichnen durfte (lacht). Beim Monster hat mir übrigens meine (siebenjährige) Tochter geholfen.

Lesepunkte: Unsere vorletzte Frage: wohin würden Sie fliegen, wenn Sie ein Vogel wären?

Zedelius: Oh, ich würde sehr gern fliegen können! Wohin, das ist unterschiedlich. Manchmal packt mich das Fernweh und ich möchte irgendwohin, wo ich noch nie zuvor war. Deswegen würde ich diese Frage wahrscheinlich immer anders beantworten. Jetzt gerade in diesem Moment würde ich gerne nach Kreta fliegen. Aber auch nach Island, Kanada und Nepal würde ich gern mal reisen. Ich möchte überhaupt noch viel von der Welt sehen. Reisen inspiriert mich sehr. Die weiteste Reise war eine nach Südafrika. Danach habe ich das Bilderbuch „Die wilden Schwäne“ (von H.C. Andersen und L. Pauli) illustriert.

Aus: „Oje, ein Buch!“ von Lorenz Pauli (Autor) und Miriam Zedelius (Illustratorin),
© 2018 Atlantis, Imprint Orell Füssli Verlag, Zürich

Lesepunkte: An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Zedelius: Ich arbeite momentan an meinem ersten Sachbuch, einem Museumsführer. Das ist eine große Herausforderung, weil ich hier keinen Quatsch und keine Monster zeichnen darf (lacht). Danach hoffe ich, dass ich wieder die Möglichkeit bekomme, eigene Sachen zu machen – oder dass Lorenz Pauli eine neue Geschichte für mich geschrieben hat…

Lesepunkte: Möchten Sie abschließend noch etwas loswerden?

Zedelius: Ja, lest Bücher, viele gute Bücher (lacht). Mit oder ohne Bilder – für mich sind Kinderbücher, Bilderbücher, Romane oder auch Comics Literatur, da mache ich keine Unterscheidung.

Lesepunkte: Vielen Dank für das Interview!

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Miriam Zedelius (Julia Wagener und Jana Rüttgers). In: LESEPUNKTE, URL: https://lesepunkte.de/interview/im-interview-mit-miriam-zedelius-illustratorin-miriam-zedelius-u%cc%88ber-das-von-ihr-illustrierte-bilderbuch-oje-ein-buch-ihren-beruf-und-die-faehigkeit-die-welt-anders/
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